Der Gewöhnliche Faschismus
Hunderttausende von Metern, sagt die Kommentarstimme, die für den Regisseur Michail Romm spricht, habe er Filme gesichtet, um eine Erklärung dafür zu finden, wie der Nationalsozialismus entstanden ist und die absolute Macht in Deutschland erringen konnte. Es handelt sch um Filmmaterial, das die sowjetische Besatzungsmacht aus den Archiven des Reichspropagandaministeriums und den Privatarchiven von Joseph Goebbels beschlagnahmt hatte. Darüber hinaus steuerten osteuropäische Justizbehörden Material bei. Romm ordnet das zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Films zum Teil unbekannte Material in Kapitel von unterschiedlicher Länge. Jedes Kapitel beginnt mit einem Hitlerzitat und hat einen anderen thematischen Schwerpunkt. Dabei nutzt Romm die visuelle Aussagekraft filmischer Bilder geschickt. So gerät die Evidenz der filmischen Bilder immer wieder in groteske Paradoxie mit der Ideologie. Der Zuschauer wundert sich immer wieder mit dem Regisseur, wenn zum Beispiel die äußere körperliche Erscheinung der fanatischen Propagandisten der Rassetheorie dem Anspruch vom arischen Menschen so offensichtlich widerspricht. Aber selbstverständlich will Romm die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus nicht verharmlosen. Vielmehr geht es ihm Erscheinungsformen des Faschismus, Wechselwirkungen zwischen der Ideologie und der Banalität alltäglicher Erlebnisformen. Aufnahmen des nicht uniformierten Durchschnittmenschen in Zivil habe es kaum gegeben, bemerkt an einer Stelle die Stimme des Kommentars, die für den Regisseur spricht. Romms Film schildert also nicht, wie es unter dem Nationalsozialismus war. Das gibt das Ausgangsmaterial gar nicht her. Vielmehr wird der Zuschauer durch die kommentierende Stimme des Regisseurs in dessen Auseinandersetzung mit dem gesichteten Materials einbezogen.